Bei unseren Lawinenseminaren und Lawinenkurse sind die Basics der Lawinenkunde ein wesentlicher Bestandteil. Diese Basics sind im wesentlichen die „klassische“ Lawinenkunde in Kombination mit einem praxisbezogenen Entscheidungskonzept!

Das vergangene Jahrzehnt hat es in der Lawinenkunde unzählige Versuche gegeben, die Anwendung der Lawinenkunde für Laien zu erleichtern. Altes wurde verworfen, Neues ausprobiert und zum Teil wieder verworfen. Vorgefassten Strategien sollten Entscheidungen erleichtern. Dabei wurde allerdings die Fähigkeit, insbesondere hinsichtlich der aktuellen Verhältnisse eine eigene Meinung und ein Gespür zu entwickeln vernachlässigt …

Wichtig sind die Grundlagen der Schnee- und Lawinenkunde, Schwachstellen der Lawinenkunde erkennen, Gefahrenmuster und Gefahrenstellen laut Lawinenlagebericht interpretieren, vernünftige Tourenplanung. Geländebeurteilung, Verhalten, Spuranlage im Auf- und Abstieg, Beobachtungen im Gelände (Alarmzeichen, Gefahrenmuster und Gefahrenstellen, subjektive Faktoren), Risikocheck und Entscheidung im Einzelhang, Umsetzung der geeigneten Maßnahmen, konsequentes Handeln.

Erklärungen zu den einzelnen Gefahrenstufen

Die Lawinengefahr steigt in der Lawinengefahrenskala von Stufe zu Stufe exponentiell an. Dabei nimmt die Stabilität der Schneedecke ab und die Gefahrenzonen breiten sich im Gelände anzahlmässig aus. Die Zusatz¬belastung, die notwendig ist, um eine Auslösung einzuleiten, nimmt tendentiell mit den höheren Stufen ab.

– Stufe 1, Geringe Gefahr: Die Schneedecke ist als Ganzes gut verfestigt. Für künstliche Auslösungen sind auch im extremen Steilgelände grosse Zusatzbelastungen notwendig (z.B. durch Sprengungen). Eine subjektive Lawinenauslösung ist wenig wahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschliessen. Die gefährdeten Zonen sind dabei selten, vorwiegend auf extremes Steilgelände beschränkt und meist gut lokalisierbar. Selbstauslösungen (spontane Lawinenabgänge) werden kaum auftreten, sieht man von kleineren Rutschen im Steilgelände ab.
Von 1993 bis 1997 wurde diese Stufe in der Schweiz an rund 30 Prozent aller Tage verwendet. Rund 5 Prozent aller tödlichen Unfälle ereigneten sich bei dieser Stufe.

– Stufe 2, Mässige Gefahr: Die Schneedecke ist an einigen Orten, die im Lawinenbulletin im allgemeinen durch Höhenlage, Exposition oder Geländeform näher beschrieben sind, nur mässig verfestigt. Es herrschen also für den Skifahrer bei vorsichtiger Routenwahl mehrheitlich günstige Verhältnisse vor. Die Lawinenauslösung darf allerdings besonders bei grosser Zusatzbelastung, z.B. durch eine ohne Abstände aufsteigende oder abfahrende Skifahrergruppe, nicht ausser Acht gelassen werden. An Steilhängen mit ungünstigen Schneedeckenverhältnissen ist zudem auch Lawinenauslösung durch Einzelpersonen nicht auszuschliessen. Für Verkehrswege und Siedlungen besteht kaum eine Gefährdung durch spontane Lawinen, da diese höchstens vereinzelt auftreten.

Von 1993 bis 1997 wurde diese Stufe in der Schweiz an rund 45 Prozent aller Tage verwendet. Rund 30 Prozent aller tödlichen Unfälle ereigneten sich bei dieser Stufe.

– Stufe 3, Erhebliche Gefahr: Die Schneedecke ist an vielen Orten nur mässig bis schwach verfestigt. Vor allem an den Steilhängen der angegebenen Exposition und Höhenlage ist schon bei geringer Zusatzbelastung, also etwa durch einen einzelnen Skifahrer, eine Auslösung möglich. Die Gefahr von spontanen Lawinenabgängen kann sehr unterschiedlich sein: bei schwachem Schneedeckenaufbau und geringen Schneehöhen muss nur fallweise mit Lawinen mittleren Ausmasses gerechnet werden. Wird die Stufe bei Neuschneesituationen oder in Verbindung mit der tageszeitlich bedingten Erwärmung ausgegeben, so muss je nach Witterungseinfluss vereinzelt aber auch mit grossen Abgängen gerechnet werden. Dies bedingt dann Sprengaktionen (v.a. bei Neuschnee) oder zeitlich befristetes Sperren (v.a. bei Erwärmung) für exponierte Teile von Verkehrswegen und vor allem im Bereich der zu sichernden Skiabfahrten. Skitouren und Abfahrten ausserhalb gesicherter Zonen erfordern Erfahrung und lawinenkundliches Beurteilungsvermögen. Steilhänge der angegebenen Exposition und Höhenlage sollten nach Möglichkeit gemieden werden.

Von 1993 bis 1997 wurde diese Stufe in der Schweiz an rund 20 Prozent aller Tage verwendet. Rund 60 Prozent aller tödlichen Unfälle ereigneten sich bei dieser Stufe.

– Stufe 4, Grosse Gefahr: Die Schneedecke ist an den meisten Orten schwach verfestigt. Auslösung ist dort bereits bei geringer Zusatzbelastung wahrscheinlich. Je nach Schneedeckenaufbau und Neuschneemengen muss mit vielen spontanen Lawinen mittlerer Grösse, vermehrt aber auch mit grossen Lawinen gerechnet werden. Teile von Verkehrswegen und Siedlungen im Einflussbereich solcher Lawinen sind mehrheitlich gefährdet. Als Sicherheitsmassnahmen drängen sich vermehrtes Sprengen und Sperrungen auf. Die Verhältnisse für den Aufenthalt ausserhalb gesicherter Zonen sind ungünstig.

Von 1993 bis 1997 wurde diese Stufe in der Schweiz an rund 4 Prozent aller Tage verwendet. Rund 5 Prozent aller tödlichen Unfälle ereigneten sich bei dieser Stufe.

– Stufe 5, Sehr grosse Gefahr: Die Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und dadurch weitgehend instabil. Zahlreiche grosse spontane Lawinen sind zu erwarten, was umfangreiche Sicherheitsmassnahmen (Sperrungen, unter Umständen auch Evakuationen usw.) bedingt. Skitouren sind nicht zu empfehlen und meist auch gar nicht möglich.
Von 1993 bis 1997 wurde diese Stufe in der Schweiz an weniger als einem Prozent aller Tage verwendet. Tödliche Unfälle ereigneten sich keine.

Erklärungen zu den als besonders kritisch angegebenen Hangneigungen, Hangexpositionen und Höhenlagen

Allgemeines

Bei der Ausarbeitung des Lawinenbulletins werden jeweils zusätzlich zur Gefahrenstufe in genereller Form die zum aktuellen Zeitpunkt als kritisch erachteten Geländeteile erwähnt: z.B.: „Besonders kritisch sind gegenwärtig Steilhänge der Expositionen Nordwest über Nord bis Südost oberhalb rund 2000 m“.
Als Grundlage für die Interpretation, und ganz im Sinne einer seriösen Tourenplanung, sollten für die Analyse die Landeskarten der Landestopographie im Massstab 1:25’000 konsultiert werden. Daraus können dann die entsprechenden Geländebereiche herausgelesen werden.

Bei der Interpretation des Bulletininhaltes muss dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die als besonders kritisch angegebenen Geländeteile die gefährlichsten sind. Dies will aber nicht heissen, dass an den übrigen Stellen keine Lawinengefahr besteht. Sie ist dort aber meist geringer. Grenzbereiche und Übergangszonen sind besonders kritisch zu beurteilen.

In den Wintern 1993/94 bis 1996/97 ereigneten sich 72 Prozent aller tödlich verlaufenen Lawinenunfälle in den sogenannten Kernzonen, dort wo also sowohl die Angaben über die besonders gefährliche Hangneigung, als auch die Angaben über die besonders gefährlichen Hangexposition und die besonders gefährlichen Höhenlage zutrafen. Dies ganz unabhängig von der Gefahrenstufe, die am Unfalltag herrschte.

Hangneigung

Verschiedene Auszählungen über die Hangneigungen bei Lawinenanrissen kommen zum Ergebnis, dass Schneebrettlawinen grösstenteils im Neigungsbereich von 32 bis 42 Grad anreissen. Der Mittelwert beträgt dabei rund 36 Grad. Bei kritischen Verhältnissen können allerdings Lawinen auch aus Gebieten mit einer Hangneigung von weniger als 28 Grad anreissen. In der vorliegenden Interpretation werden als `Steilhänge‘ all jene Hänge bezeichnet, die mehr als rund 30 Grad Neigung aufweisen. `Mässig steile Hänge‘ weisen Hangneigungen von weniger als rund 30 Grad auf. `Extreme Steilhänge‘ manifestieren sich einerseits auf Grund der grossen Neigung (steiler als rund 40 Grad). Es sind andererseits auch Hänge, die bezüglich Geländeform, Kammnähe oder Bodenbeschaffenheit besonders ungünstig sind.

Hangexposition

Ein Nordhang fällt nach Norden ab. Steht man auf einem Berggipfel und blickt nach Norden (über Mittag also von der Sonne weg), so liegt der Nordhang direkt vor und unter einem. Im Hochwinter liegen steilere Nordhänge über lange Zeit im Gebirgsschatten und erhalten deshalb keine direkte Sonneneinstrahlung. Setzung und Verfestigung schreiten hier üblicherweise nur langsam voran.

Ein Südhang fällt nach Süden ab und bekommt deshalb auch im Hochwinter regelmässig Sonne, womit sich dort der Schnee meist schneller setzt und besser verfestigt.
Am Morgen bescheint die Sonne zuerst Osthänge. Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf die Westhänge.`Schattenseitige Hänge‘, auch Schattenhänge genannt, sind im Hochwinter (bei tiefem Sonnenstand) mehr verbreitet als gegen den Frühling (bei steigendem Sonnenstand) hin. Je nach Abschattung durch den Nahhorizont kommen sie in allen Expositionen, und nicht nur an Nordhängen vor.

Entsprechend sind `stark besonnte Hänge‘ zu interpretieren.

`Windexponierte Hänge‘ liegen im Luv (dem Wind zugekehrte Seite). Der Schnee wird dort meist weggeblasen.

`Windschattenhänge‘ liegen im Lee (dem Wind abgekehrter Seite). Der im Luv weggeblasene Schnee wird hier wieder abgelagert. Oft weisen diese Leehänge ein mehrfaches der mittleren Schneehöhe auf und werden deshalb auch als `Hänge mit Triebschneeansammlungen‘ bezeichnet.

Luv- und Leehänge sind nicht nur im Gipfelbereich zu beachten, sondern sind auch in gipfelfernen Hanglagen zu finden (z.B. an den Talflanken mit bevorzugter Windrichtung).
`Kammnahe Hänge‘ sind oft felsdurchsetzt und kommen in allen Expositionen vor. Sie liegen in der Regel in Grat- und Gipfellagen, wobei allerdings auch sekundäre Steilstufen zu berücksichtigen sind.

Höhenlage

Angaben über die besonders gefährlichen Höhenlagen erfolgen üblicherweise in Schritten von 200 m. Für trockene Lawinen wird meist die untere Meereshöhe angegeben, oberhalb der sie auftreten können. Bei Nassschneelawinen wird die Meereshöhe erwähnt unterhalb welcher sie vorwiegend auftreten können. Formulierungen mit Höhenlagenbereichen, wie etwa zwischen 2500 m und 3000 m, werden eher selten verwendet.

Europäische Lawinengefahrenskala Gefahrenstufe

Schneedeckenstabilität
Lawinen-Auslösewahrscheinlichkeit
Auswirkungen für Verkehrswege und Siedlungen / Empfehlungen
Hinweise für Personen ausserhalb gesicherter Zonen / Empfehlungen

1 gering

Die Schneedecke ist allgemein gut verfestigt und stabil.
Auslösung ist allgemein nur bei grosser Zusatzbelastung ² an sehr wenigen, extremen Steilhängen möglich.
Spontan sind nur kleine Lawinen (sogenannte Rutsche) möglich.
Keine Gefährdung.
Allgemein sichere Verhältnisse.

2 mässig

Die Schneedecke ist an einigen Steilhängen ¹ nur mässig verfestigt, ansonsten allgemein gut verfestigt.
Auslösung ist insbesondere bei grosser Zusatzbelastung ², vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich.
Grössere spontane Lawinen sind nicht zu erwarten.
Kaum Gefährdung durch spontane Lawinen.
Mehrheitlich günstige Verhältnisse.
Vorsichtige Routenwahl, vor allem an Steilhängen der angegebenen Exposition und Höhenlage.

3 erheblich

Die Schneedecke ist an vielen Steilhängen ¹ nur mässig bis schwach verfestigt.
Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung ² vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich.
Fallweise sind spontan einige mittlere, vereinzelt aber auch grosse Lawinen möglich.
Exponierte Teile vereinzelt gefährdet. Dort sind teilweise Sicherheitsmassnahmen zu empfehlen.
Teilweise ungünstige Verhältnisse.
Erfahrung in der Lawinenbeurteilung erforderlich.
Steilhänge der angegebenen Exposition und Höhenlage möglichst meiden.

4 gross

Die Schneedecke ist an den meisten Steilhängen ¹ schwach verfestigt.
Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung ² an zahlreichen Steilhängen warscheinlich.
Fallweise sind spontan viele mittlere, mehrfach auch grosse Lawinen zu erwarten.
Exponierte Teile mehrheitlich gefährdet. Dort sind Sicherheitsmassnahmen zu empfehlen.
Ungünstige Verhältnisse.
Viel Erfahrung in der Lawinenbeurteilung erforderlich.
Beschränkung auf mässig steiles Gelände / Lawinenauslaufbereiche beachten.

5 sehr gross

Die Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabil.
Spontan sind zahlreiche grosse Lawinen, auch in mässig steilem Gelände zu erwarten.
Akute Gefährdung. Umfangreiche Sicherheitsmassnahmen.
Sehr ungünstige Verhältnisse.
Verzicht empfohlen.
¹ Das lawinengefährliche Gelände ist im Lawinenbulletin im allgemeinen näher beschrieben
(z.B Höhenlage, Exposition, Geländeform usw.).
² Zusatzbelastung:
– gross (z.B. Skifahrergruppe ohne Abstände, Pistenfahrzeug)
– gering (z.B. einzelner Skifahrer, Fussgänger)
Steilhänge: Hänge steiler als rund 30 Grad
mässig steiles Gelände: Hänge flacher als rund 30 Grad
extreme Steilhänge: besonders ungünstig bezüglich Neigung, Geländeform, Kammnähe, Bodenrauhigkeit
spontan: ohne menschliches Dazutun
Exposition: Himmelsrichtung, in die ein Hang abfällt
exponiert: besonders der Gefahr ausgesetzt
Die Gefahrenstufen gelten einheitlich im ganzen Alpengebiet.

Schema der Lawinengefahrenstufen

Anders als bei der Waldbrandgefahr („Auf der Alpensüdseite herrscht bis zum Eintreffen grösserer Niederschläge Waldbrandgefahr“), quantifiziert man in den Lawinenbulletins seit Beginn der Reihe vor mehr als 50 Jahren die Lawinengefahr, z.B. mit: „Es besteht eine grosse Lawinengefahr“, oder „Die Schneebrettgefahr ist momentan gering“.

Die Grösse der Lawinengefahr ist von mehreren Faktoren abhängig, nämlich:

  • von der Schneedeckenstabilität, die durch die Festigkeiten und Spannungen in den einzelnen Schneeschichten bestimmt wird.
  • von der Auslösewahrscheinlichkeit, die von der natürlichen Schneedeckenstabilität abhängt und durch menschliche Einwirkung (Skifahrer, Sprengungen usw.) erhöht werden kann. Die Auslösewahrscheinlichkeit (und damit die Lawinengefahr) ist gering, falls die Schneedeckenstabilität gross ist. Umgekehrt ist die Auslösewahrscheinlichkeit gross, falls die Schneedeckenstabilität gering ist.
  • von der flächigen Verbreitung, beziehungsweise der Häufigkeit der gefährlichen Hangflächen.
  • von der Grösse und vom Typ der zu erwartenden Lawinen.
  • von der Mächtigkeit der abgleitenden Schneeschichten (Lawinenvolumen) und deren Dichte.

Bei der Beurteilung der Lawinengefahr müssen somit die Auslösewahrscheinlichkeit, d.h. die Eintretenswahrscheinlichkeit eines potentiell gefährlich ablaufenden Prozesses und das erwartete Ausmass gebührend berücksichtigt werden. Viele Nassschneerutsche mit geringer Anrisshöhe aus einem felsigen Südhang stellen in der Regel eine geringere Gefahr dar, als eine einzelne, grosse, trockene Schneebrettlawine mit einer Anrissmächtigkeit von einem Meter.

Rudi Mair und Patrick Nairz sind die Lawinenwarner vom Tiroler Lawinenwarndienst. In ihrem zum Winter 2011 erschienen Lawinen-Bestseller-Buch „Lawine. Die 10 entscheidenden Gefahrenmuster erkennen“, präsentieren die beiden Lawinenexperten einen neuartigen, ergänzenden Ansatz zur Vermeidung von Lawinenunfällen. Bei der Analyse hunderter, meist tragischer Lawinenunfälle stellten Rudi und Patrick fest, dass sich die meisten Unfälle bei typischen, immer wieder kehrenden Gefahrenmustern ereignen. Daher erarbeiteten sie 10 typische, besonders unfallträchtige und häufige Gefahrenmuster. Das Erkennen dieser Lawinen-Gefahrenmuster soll dem Wintersportler helfen, sich entsprechend vorsichtig zu verhalten – und dadurch Unfälle zu vermeiden.

Hier eine Kurzform der 10 entscheidenden Gefahrenmuster.

Gefahrenmuster (gm) 1 – der zweite Schneefall

Nach dem ersten Schneefall eines Winters können vor allem Gleitschneelawinen, also Lawinen, die auf steilen, glatten Hängen abgleiten, ein Problem darstellen. Nach dem zweiten bedeutsamen Schneefall kommt es dann vermehrt zu Schneebrettlawinen. Diese gelten als die typischen Skifahrerlawinen und sind für mindestens 95% der tödlichen Lawinenunfälle verantwortlich. Der zweite Schneefall ist deshalb so entscheidend, weil sich zwischen der ersten Schneeauflage und dem zweiten Schneefall mitunter eine ausgeprägte Schwachschicht bilden kann, die leicht von Wintersportlern zu stören ist. Meist treten Probleme dieser Art in hohen (>2000 m) und hochalpinen (>3000 m) schattigen Steilhängen auf.

Gefahrenmuster (gm) 2 – Gleitschnee

Schnee gleitet bevorzugt auf steilen, glatten Felsen talwärts. Dabei bilden sich Gleitschneemäuler, also gut sichtbare, teilweise mehrere Meter tiefe Risse in der Schneedecke. Solche Gleitschneemäuler gelten entgegen einer alten, leider schwer auszurottenden „Lehrmeinung“ nicht als günstige, sondern durchwegs als ungünstige Kriterien hinsichtlich eines möglichen Lawinenabgangs. Ein Gleitschneemaul deutet auf die Möglichkeit einer Gleitschneelawine hin, sagt jedoch nichts darüber aus, ob und wann die Schneemasse tatsächlich als Gleitschneelawine abgeht. Gleitschneelawinen zählen hinsichtlich des Abgangszeitpunktes zu den am schwierigsten vorhersagbaren Lawinen, weil diese auch bei allgemein stabilen Schneeverhältnissen zu jeder Tages- und Nachtzeit, sowohl am kältesten als auch am wärmsten Tag des Winters abgehen können. Zudem sind Gleitschneelawinen nicht durch Zusatzbelastung auszulösen

Gefahrenmuster (gm) 3 – Regen

Regen gilt als klassisches Alarmzeichen in der Schnee- und Lawinenkunde, weil er einerseits zusätzliches Gewicht in die Schneedecke bringt und andererseits zu einem raschen Festigkeitsverlust führt. Lawinen sind deshalb vorprogrammiert. Regen kann in jedem Abschnitt eines Winters auftreten. Der große Vorteil: Kein Gefahrenmuster kann leichter erkannt werden als Regen.

Gefahrenmuster (gm) 4 – kalt auf warm / warm auf kalt

Zu lange wurde in der Lawinenkunde die Lehrmeinung vertreten, dass sich ein großer Temperaturunterschied während des Einschneiens (egal ob kalt auf warm oder umgekehrt) günstig auf die Lawinensituation auswirke. Dies trifft jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen zu. Mehrheitlich wirkt sich ein solcher Temperaturunterschied jedoch negativ aus, weil er die aufbauende Umwandlung innerhalb der Schneedecke begünstigt: In der Regel bildet sich dadurch eine dünne, durchwegs störanfällige Schwachschicht. Diese findet man oft auch im südseitigen Gelände. Eine heimtückische Angelegenheit, auch deshalb, weil die Schwachschicht unmittelbar nach dem Einschneien noch nicht vorhanden ist und sich erst im Laufe der folgenden Tage bildet.

Gefahrenmuster (gm) 5 – Schnee nach langer Kälteperiode

Ein Klassiker unter den Lawinenereignissen: Nach einer langen Kälteperiode fängt es zu schneien an. Zusätzlich weht kräftiger Wind, der den Neuschnee entsprechend verfrachtet. In kürzester Zeit entsteht eine für den Wintersportler sehr heikle Lawinensituation. Dies trifft auch dann zu, wenn nach einer langen Kälteperiode „nur“ kräftiger Wind weht, ohne dass es schneit. Das Problem: In Windschattenhängen wird frischer Triebschnee abgelagert, der auf einer lockeren, meist aus Schwimmschnee bestehenden Altschneedecke zu liegen kommt. Triebschnee und Altschnee sind untereinander sehr schlecht verbunden. Die Schneedecke wartet dann nur noch darauf, durch Zusatzbelastung gestört zu werden.

Gefahrenmuster (gm) 6 – kalter, lockerer Neuschnee und Wind

„Der Wind ist der Baumeister der Lawinen“: Dieser klassische Spruch von Wilhelm Paulcke aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gilt auch heute noch unverändert. Wind beeinflusst sowohl den fallenden als auch den bereits abgelagerten Schnee und ist einer der wesentlichsten Lawinen bildenden Faktoren. Bei lockerem, trockenem Schnee führt Wind immer zu Verfrachtungen und damit zu einer Zunahme der Lawinengefahr!

Gefahrenmuster (gm) 7 – schneearme Bereiche in schneereichen Wintern

In schneereichen Wintern passieren normalerweise deutlich weniger Lawinenunfälle als in schneearmen Wintern, weil der Schneedeckenaufbau im Allgemeinen günstiger ist. Dennoch beobachtet man auch in schneereichen Wintern regelmäßig das Phänomen, dass aufgrund vorherrschender Wetterlagen windexponierte Hänge relativ schneearm sind. Dementsprechend ungünstiger gestaltet sich dort der Schneedeckenaufbau, und umso wahrscheinlicher werden genau dort Lawinen von Wintersportlern ausgelöst.

Gefahrenmuster (gm) 8 – eingeschneiter Oberflächenreif

Oberflächenreif zählt zu den schönsten Schneearten überhaupt und birgt für sich allein gesehen noch kein Gefahrenpotenzial: Erst wenn er von neuen, gebundenen Schneeschichten überdeckt wird, wird er gefährlich und gilt deshalb zu Recht als eine der kritischsten Schwachschichten der Schnee- und Lawinenkunde.

Gefahrenmuster (gm) 9 – eingeschneiter Graupel

Schwachschichten innerhalb der Schneedecke werden bei Lawinenkursen häufig mit Kugellagern verglichen. Wirklich passend ist dieses Bild nur für den Graupel: eine kugelförmige Niederschlagsform, die sich bevorzugt im Frühjahr bei gewitterartigen Schauern ablagert. Leicht vorzustellen, dass Triebschnee, der sich darüber ansammelt, meist nur schlecht mit dieser Schwachschicht verbunden ist und damit das Lawinenrisiko steigt. Graupel ist häufig kleinräumig verteilt und lässt sich ohne Blick in die Schneedecke selbst von Experten meist nur schwer erkennen. Eine durchwegs heimtückische Angelegenheit, die zum Glück nur kurzfristig zu Problemen führt.

Gefahrenmuster (gm) 10 – Frühjahrssituation

Eine besondere Herausforderung für den Wintersportler, aber auch für Lawinenprognostiker sowie Lawinenkommissionsmitglieder stellt das Frühjahr dar. Selten liegen „sicher“ und „gefährlich“ zeitlich so eng beieinander, selten ist somit auch die Bandbreite der während eines Tages ausgegebenen Gefahrenstufen so groß. Einerseits ist die Lawinengefahr kaum einmal leichter einzuschätzen als bei stabilen Firnverhältnissen, andererseits werden aber auch kaum jemals während eines Winters so große Lawinenabgänge verzeichnet wie während kritischer Frühjahrssituationen.Dabei spielt neben dem Schneedeckenaufbau das zum Teil komplexe Wechselspiel aus Lufttemperatur, Luftfeuchte, Strahlungseinfluss und Wind eine entscheidende Rolle. Für den Wintersportler sind zeitliche Disziplin sowie Flexibilität bei der Tourenplanung gefragter denn je.